Wolfgang Nieblich - Bilder Objekte Textiles

20.02.2022 um 11:00—17:00 Uhr bis 08.05.2022

Am 20. Februar um 15 Uhr wird die Ausstellung des Berliner Künstlers Wolfgang Nieblich eröffnet. Thilo von Trotha wird Sie in die Ausstellung einführen. Wolfgang Nieblich, Maler, Schriftsteller, Bildhauer, Konzeptkünstler und vieles mehr, hat sich auch dem Thema Textil von verschiedenen Seiten her genähert. Im Schloss haben Sie die Möglichkeit, einen Einblick in das facettenreiche Werk zu bekommen. „Wolgang Nieblich – Bilder-Objekte-Textiles“ vom 20.2. bis 8.5.2022 im Schloss Meyenburg.

 

Eröffnungsrede von Thilo von Trotha:

 

 

                                     Lieber Herr Nieblich, liebe Frau Nicely,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

Ich will mit einem ganz persönlichen Bekenntnis beginnen. Ich mag den Herrn Nieblich. Ich kenne ihn noch nicht lange. Wahrscheinlich kenne ich ihn auch nicht sehr gut. Aber er gefällt mir persönlich und seine Werke gefallen mir.

 

Er ist hier. Da drüben sitzt er mit seiner Frau. Wer schon mit ihm gesprochen hat oder ihn nachher anspricht, der wird feststellen: Wolfgang Nieblich hat eine leise Stimme. Er hat das Flair eines bescheidenen Menschen. Aber was er geleistet hat, ist riesig, ist gewaltig.

 

Mehr als 150 Bücher hat er verfasst. Man stelle sich das vor:15 Jahre lang 10 Bücher pro Jahr. Ungefähr gleich viele sind über ihn erschienen.

 

 Viele seiner Bücher zeigen Bilder. Wolfgang Nieblich hat tausende Bilder gemalt. Viele sind reine Textbücher von mehreren 100 Seiten. Enthalten kurze Geschichten, manche nur eine halbe Seite lang. Mittellange Geschichten. Auch lange Geschichten über viele viele Seiten. Schauen Sie sich den doch noch recht jungen Mann an: über 150 Bücher – ist das nicht fantastisch?

 

Ich habe nicht alle gelesen. aber eine ganze Menge von ihnen. Beim Lesen entsteht etwas, was keine Traumwelt ist. Es entsteht eine Welt, die real ist und zugleich über das Reale hinaus weist. Also eigentlich das, was Kunst tun soll: uns hinaus heben über das Gewohnte in einen Raum, den wir noch nicht kennen. Uns bereichern.

 

 Wenn ich an sein gewaltiges Werk denke, denke ich auch an die über 500 Ausstellungen, die er in aller Welt gehabt hat. Denke daran, dass er als Bühnenbildner gearbeitet hat. Dass er Skulpturen geschaffen hat, kinetische Arbeiten, Installationen, sogenannten Betonkunst, mit der er die Straßen in Berlin verschönt hat und vieles mehr. Er ist offensichtlich unerschöpflich. Wächst permanent über sich hinaus. Jetzt mit Bildern mit Reißverschluss, mit Bügeln, mit Kleidungsstücken. Eine Kunstrichtung, die auch für ihn neu ist.

 

Und dieses riesige Kunstwerk hat einer geschaffen, der sich nicht inszeniert. Ein Mann liebenswürdigster Bescheidenheit. Ein Mann, der uns in wunderbarer Weise in Erinnerung ruft: Alles Große ist einfach. Alle wirklich Großen sind bescheiden.

 

 Der Charme dieser Lebenshaltung wirft zugleich die Frage nach dem Wirken von Leuten auf, die mit aufgeblähten Backen und dickem Kreuz in unserer Mitte herumstolzieren. Aber diesen Gedanken will ich nicht vertiefen.

 

Im Klappentext einer seiner Bücher steht: der Künstler wurde oft gefragt, was er tagsüber, abends und nachts so tue, außer Rotwein trinken und lange schlafen. Der Künstler antwortete: „Außer meinen Tätigkeiten als Maler, Grafiker, Objektkünstler, Bildhauer, Installationskünstler, Bühnenbildner, Fotograf, Modellbauer, Street- Art Artist, Verleger, Autor, Herausgeber von Ein Blatt drucken, Geschichtenerzähler, Liedtexter, Buchbinder, Architekt, Drucker, Illustrator Möbeldesigner Betongießer, Ausstellungsdesigner, Ideenproduzent Erfinder, Querdenker, Programmierer,  Zeichner, Schlosser, Informatiker, Schriftschreiber, Modedesigner, Bilderrahmer, Operateur, Anthologist und Karikaturist, eigentlich nichts“. Meine sehr geehrten Damen und Herren, dreimal dürfen Sie raten, welcher Künstler hier seinen Tätigkeitsbereich beschreibt.

 

Ich werde ihnen keinen Deutungsversuch dieser Kunst präsentieren. Ob es da Einflüsse von Picasso oder von Joseph Beuys gibt. Diese Versuche haben für mich oft etwas Beklemmendes. Ich will Ihnen zu beschreiben versuchen, wie diese Kunst auf mich wirkt, wie sie mich anregt.

 

Ich habe kürzlich das Atelier von Wolfgang Nieblich besucht. Ein Labyrinth aus verschlungenen Gängen, Ecken und Winkeln, die Wände herauf voll gestopft mit 1000 Dingen. „Urväter Hausrat hinein gestopft“ – heißt im Faust. Jemand, der auf der glattpolierten Eintönigkeit von Schöner Wohnen steht, mag in diesem Atelier Probleme haben. Aber alles ist Kunst dort.

 

 Es ist faszinierend, was alles zu Kunst werden kann. Einige Beispiele sehen wir hier: Kleiderbügel können zur Kunst werden. Reißverschlüsse können zur Kunst werden. Kleidungsstücke könnten Kunst werden. In diesem wunderbaren Labyrinth finden Sie das alles. Dazu Uhren, Bestecke, Tassen, die zur Kunst wurden. Bücher Bücher Bücher die zu Bildern werden. Selbst das Klo ein Kunstsalon.

 

Das hat mich der Besuch bei Herrn Nieblich gelehrt: das Profane – nur weil es selbstverständlich ist – muss nicht das Profane bleiben. Auch im Profanen steckt das Besondere, das Einzigartige. Genau genommen: profan ist nichts. Alles ist Kunst.

 

Wenn man das akzeptiert, wird das Leben einfach schöner. Wolfgang Nieblich hat also die Kraft, unser Leben glücklicher zu machen. Ein schöner Beruf.

 

Das findet er übrigens auch. Mit einem gewissen Stolz erzählte er mir, er habe noch nie in seinem Leben Urlaub gemacht. Urlaub ist ja Ausspannen aus einem anstrengenden Beruf. Er liebe seine Tätigkeit, erlebe sie nicht als Anstrengung. Dann braucht er ihr auch nicht zu entfliehen. Weggehen wäre geradezu eine Strafe.

 

Vom Neid heißt es, er sei die intensivste Form der Anerkennung. Ich bin ein bisschen neidisch auf das, was Herr Nieblich alles schafft. Und ich frage mich, ob das Schicksal immer gerecht ist, wenn es Begabungen so ungleich verteilt.

 

Vielleicht liegt es an seinem Namen. Der Name Nieblich verweist auf die Nibelungen. Offensichtlich kein Zufall. An der Stelle, an der der Nibelungen-Held Siegfried sein Feigenblatt trug, hat Wolfgang Nieblich ein Muttermal auf dem Rücken. Ich hab es nicht nachgeprüft, er hat es mir erzählt.

 

Ich habe sehr viele seiner Geschichten gelesen. In jeder gibt es wenigstens eine, manchmal viele handelnde Personen, die einen Vor- und einen Nachnamen haben. Ich habe noch nie eine Doppelung bei den Namen entdeckt. Allein diese Tausende von Namen zusammen zu tragen, ist eine beachtliche Leistung.

 

Diese Geschichten sind – das hat er mir gesagt – nicht Früchte durchgrübelter Nächte. Wolfgang Nieblich träumt seine Storys. Er träumt sie und schreibt sie am nächsten Morgen auf. Und da soll man nicht neidisch werden.

 

In einer dieser Geschichten steht der wunderbare Satz „Es ist ein Irrtum, dass die Dinge tot sind“. Das sagt uns: die Dinge sind nicht tot. Oder können wieder zum Leben erweckt werden.

 

 Reißverschlüsse sind erst einmal nicht sehr lebendige Gegenstände. Sie klingen sogar als „Verschlussmittel mit zwei Seitenteilen, Krampen und einem Schieber“ - so Wikipedia -ziemlich nach totem Material. Wolfgang Lieblich hat sie   zum Leben erweckt.

 

Zu neuem Leben erweckt, in dem er die Neugierde des Betrachters anstachelt. Zuerst einmal erfreuen wir uns an der in harmonischen Farben gestalteten Vorderfront der dreidimensionalen Bilder. Sie wird durch den harten Einschnitt des Reißverschlusses - der eine wird sagen: gestört, der andere wird sagen: unterstrichen. Dadurch wird Spannung aufgebaut. Und natürlich: ein Reißverschluss verlockt immer, daran zu ziehen. Was steckt dahinter?

 

Wer den Reißverschluss aufzieht, entdeckt eine neue Welt. Eine Weisheit, etwa“ Geld schön ausgeben, ist auch eine Kunst“. Oder eine Münzsammlung aus Jahrhunderten. Oder einen Zeitungstext.

 

Ich liebe besonders die Karteikarten aus der Nationalbibliothek. Als der Katalog zum Auffinden der Bücher dort auf Digital umgestellt wurde, hat sich Wolfgang Nieblich einige der überflüssig gewordenen Karteikarten besorgt und hinter einem Reißverschluss versteckt. Einige sind noch in Sütterlin geschrieben. Ein kurze Zeitreise der Bücher.

 

Die überflüssig gewordenen, alten, teilweise stark vergilbten Kärtchen sind zu neuem Leben erweckt.“ Es ist ein Irrtum, dass die Dinge tot sind.“

 

Ein ordinärer, nackter Kleiderbügel aus Holz, wie langweilig, wie tot. Aber wenn er umkleidet wird, zum Schlüsselanhänger wird oder Boxhandschuhe trägt – sofort ist er lebendig, weckt Neugierde, ruft zur Stellungnahme auf. Und das ist es ja, was lebendig sein heißt, was Leben heißt: sich einmischen. Stellung beziehen. Nicht passiv die Dinge über sich ergehen lassen, sondern handeln.

 

Ein anderer Satz, der mir nicht aus dem Kopf geht: „Wir steigen nur auf Türme, die wir selber für uns bauen“. Da steckt das Bild des Bauens, des selber Bauens drin. Ich sehe mit Sorgen wie die Bereitschaft zum selber machen zu schwinden scheint.

 

 

 

 Vor drei Tagen habe ich im Radio den Chef des Bundesverbandes der Labore zum Thema Omicron sagen hören: „im Januar hat uns die Politik im Stich gelassen da mussten wir uns selber helfen“. Soweit sind wir offensichtlich schon: wenn wir uns selber helfen müssen, fühlen wir uns verraten und verkauft. Wo bleibt der stolze Bürgersinn? Sind wir bald alle Staatsangestellte? Kein gutes Zeichen für die Lebendigkeit der Demokratie, die ja vom Mittun lebt.

 

Wolfgang Nieblich aktiviert unsere Sinne, unseren Verstand. Ermuntert uns, Türme zu bauen, auf denen wir wachsen können. Er tut also mehr für unser Gemeinwesen, als manche Leute mit dem furchtbaren Ego, das Unterwerfung aller anderen fordert.

 

In mehr als 750 Bibliotheken weltweit stehen Bücher von Wolfgang Nieblich. Über 500 Ausstellungen weltweit habe ich schon erwähnt. Heute ist er bei uns. Damit sind wir eingeflochten in eine die Welt umspannende Kette von Kunst und Anregung. Wir haben ihm zu danken, dass er heute hier ausstellt. Es stimmt ja auch: Reißverschlüsse, Kleidung und Kleiderbügel passen nirgendwo besser hin als hier ins Modemuseum.

 

Dank hat auch Irina Berjas verdient.Sie hat die Ausstellung hierher geholt und gemanagt. Herzlichen Dank also. Einbeziehen in diesen Dank möchte ich auch unserer Bürgermeister Falko Krassowski und unseren Verwaltungschef Matthias Habermann.

 

 In unserem lieben Meyenburg ist kulturell einiges los. Ich denke außer an unser Museum an den Kirchenchor, den Karnevalsverein. Jetzt ist ein neuer Meilenstein gesetzt. Der kulturelle Fußabdruck unserer Stadt in Brandenburg wird immer sichtbarer.

 

Ich eröffne hiermit die Ausstellung und wünsche allen Beteiligten Freude, Genuss und neue Erkenntnisse.

 

 

 

Thilo v. Trotha

 
FaustHose
FaustHose

Moderne Kunst
Moderne Kunst

Gedankenwäsche 2019
Gedankenwäsche 2019

 

Veranstalter

Modemuseum Schloss Meyenburg e. V

Schloss 1
16945 Meyenburg